Schnittig

DWJ, 11/05

 

Roland Kessler ist für seine superleichten Repetierer auf Basis des Mauser 98er-Systems bekannt. Doch kann das funktionieren, auch eine Großwildbüchse als "Leichtgewicht" zu bauen? Es geht! Die entstandene Büchse Kaliber .404 Jeffery ist sehr führig und natürlich angenehm zu tragen. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten...

Auf den ersten Blick sieht Kesslers Großwildrepertierer wie eine schlanke, klassische Jagdbüchse im Standardkaliber aus. Klare Linienführung, schlanker Schaft und 98er-System kennzeichnen die Büchse. Ein Blick auf die Laufwurzel zeigt aber, dass es sich um eine Großwildbüchse im "Afrikakaliber" .404 Jeffery handelt. Solch eine Waffe sollte idealerweise ein Gewicht von etwa 4,1 kg haben. Das war das Standargewicht eines Mauser 98 im Kaliber .404 Jeffery in den goldenen Zeiten der afrikanischen Großwildjagd. Zum Vergleich: Eine Mauser M03 Afrika wiegt in diesem Kaliber 4,29 kg. Wer Kesslers Großwildbüchse zur Hand nimmt, dem fällt das geringe Gewicht von nur 3,75 kg auf. Er spürt aber auch, dass es sich um eine sehr ausgewogene Waffe mit ausgezeichneter Balance handelt. Sie liegt sehr gut zwischen den Händen und ruhig im Anschlag. Das macht sich sofort beim Schießen auf die laufende Scheibe bemerkbar.

 

98er-System.

Der Repetierer basiert auf einem 98er-System aus dem Jahr 1935 aus FN-Fertigung. Das waren sehr präzise und gut gefertigte Systeme von hoher Qualität. Das System wurde an besonders belasteten Stellen speziell gehärtet. Roland Kessler fertigte einen neuen Magazinkasten mit geringerer Bauhöhe. Auch wurde der hoch bauende Originalabzug durch einen eigenen Abzug im Stahlgehäuse ersetzt. Kesslers Abzug hat eine niedrige Bauhöhe, damit der Schaft in diesem Bereich schlank gehalten werden kann. der Abzug ist in Widerstand, Vorzug und Triggerstop justierbar. Er stand bei der Testwaffe sehr trocken und löste nach 740 g Widerstand aus.

 

Das System sowie der Stahlmagazinkasten für drei Patronen wurde für die Patrone .404 Jeffery adaptiert. Das betrifft vor allem die Länge, den Hülsenübersprung ins Magazin und die Zuführbahn. Einfach ist das nicht, da man bei der .404 Jefferyan der maximal sinnvollen Patronengröße für das Standardsystem angelangt ist. Die Aufgabe wurde von Kessler aber sehr gut gelöst. Die Patronen werden im Magazin ausgezeichnet festgehalten. Die Zufuhr klappt reibungslos und störungsfrei. Das gilt auch bei sehr schnellem Repetieren. Obwohl die Patronen ja leicht verkantet zugeführt werden, ist der Schlossgang beim Repetieren weich.

Die Büchse verfügt über einen manuellen Auswerfer, der stets ein Zurückziehen des Verschlusses bis zum Anschlag erfordert. Die Technik ist sehr zuverlässig und deshalb bei einer Großwildwaffe sinnvoll. Der Ausstoßer wurde verlängert, um bei dieser Patrone ein zuverlässiges Auswerfen der Hülsen zu gewährleisten. Der lange Auszieher bürgt für kontrollierte Patronenzufuhr ab dem Magazin. Das gilt auch bei starker Verschmutzung. Zusammen mit der Lockerungskurve lassen sich auch im Patronenlager "festgefressene" Hülsen ausziehen.

 

Die Auszieherkralle wurde so gearbeitet, dass der Verschluss auch bei einer von Hand ins Patronenlager geschobenen Patrone geschlossen werden kann.

Große Gasfreiräume und Öffnungen in der Kammer sowie das Gasschild sorgen für Schützensicherheit bei eventuellen Zündhütchendurchbläsern.

Das Schloss wird verriegelt mittels zweier Warzen im Hülsenkopf. Diese Warzen sind sehr präzise eingepasst. Kessler realisierte das alte Mauser-Patent, nachdem bei der Sicherungswarze 3/10 mm Freiraum zwischen Warze und Lager bleiben. Der Sinn dabei: Bei einem eventuellen Hülsenkopfriss wird das Schloss besser gestoppt, da es dann leicht verkantet.

 

Dreistellungssicherung.

Das Originalschlösschen wurde durch ein geschlossenes Schlösschen mit horizontaler Dreistellungssicherung getauscht. Die Sicherung legt in hinterster Stellung den Schlagstift fest und sperrt die Kammer. In der Mittelstellung kann gefahrlos entladen werden.

Der seitliche Sicherungsflügel seinerseits ist gegen unbeabsichtigtes Betätigen gesichert. Ein unbeabsichtigtes Entsichern ist ausgeschlossen. Dazu ist auf dem Fügel eine federbelastete Taste (Klinke) angebracht. Sie muss nur an hinterster Stellung zum Entsichern gedrückt werden. Das ist einfach, ohne zusätzlichen Zeitaufwand zu machen.

 

Magazin.

Das Magazinbodenblech ist verschraubt. Zum Entladen müssen die Patronen über das Hülsenfenster ausrepetiert werden. Das ist für einen Großwildrepetierer in Ordnung. Es gibt nichts Schlimmeres bei der Jagd, als ein Magazin zu verlieren oder dass sich ein Magazindeckel von selbst öffnet.

 

Lauf.

In den Hülsenkopfwürde ein 63 cm langer Lauf in klassischer Kontur eingeschraubt. Er verläuft zunächst 4 cm zylindrisch mit 29,8 mm Stärke, ehe er sich zur Mündung hin verjüngt. Der Mündungsdurchmesser beträgt 17 mm. Am Lauf – verantwortlich zum großen Teil für Präzision und Leistung der Patrone – sparte Kessler nicht an Gewicht. Der Lauf wurde im Kalthämmerverfahren von Heym hergestellt.

 

Offenes Visier.

Mittels Ganzringen wurden im Lauf Korn- und Kimmensattel sowie Riemenbügelhalter befestigt. der Riemenbügel ist 26,5 cm von der Mündung entfernt. Das gewährleistet ein bequemes Tragen, ohne das der Lauf über den Kopf hinausragt. Als Korn wählte Kessler ein 3mm starkes, buntmetallhinterlegtes Rundkorn, das im Schwalbenschwanz sitzt. Übrigens sollte man alle beweglichen Visierteile nach dem Einschließen im Schwalbenschwanz verlöten oder verkleben. Sonst kann bei einem so starken Kaliber die Kimme trotz Schraubensicherung auswandern. Die Kimme sitzt ebenfalls in einem Schwalbenschwanz. Sie ist dachkantenförmig, verjüngt sich also oben und hat einen ausreichend großen Rundausschnitt. Ein heller Mittelstrich auf dem Kimmenblatt wäre von Vorteil.

 

Die Visierung baut sehr niedrig. Bei einer Kimmenhöhe von nur 16 mm über dem Lauf kann eine Montagebasisi für eine Zielfernrohrmontage auf dem Hülsenkopf nicht mehr montiert werden. Der Schütze würde das offene Visier nicht mehr vernünftig sehen. Bei einer Zielfernrohrmontage müssen daher höhere Sättel für die offene Visierung gewählt werden, was kein Problem ist. Die offene Visierung der vorliegenden Büchse ist praxisgerecht.

Manche Schützen ziehen aber ein Expressvisier mit sehr flacher, weiter Schmetterlingskimme vor. Als Korn wäre ein feines Rundkorn von etwa 2 mm mit umklappbarem Dämmerungskorn (4 mm) empfehlenswert. Das kann aber jeder Käufer individuell entscheiden und auswählen.

 

Schlanker Schaft.

Kessler wählte eine klassische, aber eben schlanke Schaftform für die Waffe. Das Nussbaumholz ist ansprechend gemasert und von sehr guter Qualität. Im Pistolengriff. und Systembereich verläuft die Maserung gerade – wichtig bei einer so großkalibrigen Büchse. Der Schaft ist glatt geschliffen und im matten Finish geölt.

Ein schlanker, langgezogener Pistolengriff am Hinterschaft soll die Gefahr des Handprellens verringern. Er schließt unten mit einem Stahlkäppchen ab.

Der Hinterschaft mit geradem Rücken und deutscher Backe mit Falz schließt nach einer schwarzen Zwischenlage mit einer schmalen, roten Gummischaftkappe im "Old-Englisch"-Stil ab. Das System wurde sauber im Schaft eingebettet. Im Bereich des Rückstoßstollens befindet sich eine Querbolzenverschraubung, die vor einem Schaftbruch schützen soll. Im Hülsenkopfbereich sowie teilweise hinten wurde es mit Kunstharz gebettet.

 

Verarbeitung und Schussleistung.

Die Waffe ist sehr sauber verarbeitet. Alle Holz-/Metallanpassungen wurden penibel ausgeführt. Der Lauf liegt frei. Bleibt zu hoffen, dass sich das Holz nicht verzieht und dann der Lauf wegen der sehr engen Passung irgendwann doch anliegt. Eine durchgehende Laufbettung mit Kunstharz wäre sicher eine gute Alternative.

Die Waffe funktioniert im Test zuverlässig, man spürte die sorgfältige Feinarbeit.

Der Schütze kann mit der Waffe einen sehr schnellen ersten Schuss präzise abgeben. Sie kommt dank ausgezeichneter Schäftung und ihres leichten Gewichts sehr schnell in Anschlag. Für einen schnellen gezielten zweiten Schuss ist der Hochschlag wegen des leichten Gewichts zu stark.Der hervorragende Abzug sollte mit einem etwas höheren Widerstand – der Sicherheit zuliebe – eingestellt werden. Bei einer dreiwöchigen Afrika-Safari kommt eben odentlich Staub in den Mechanismus.

 

Die Waffe war über das offene Visier auf 50 m exzellent Fleck eingeschossen. Von der Benchrestauflage über dieses Visier mit RWS-Patronen mit 26-g-TM-Geschoss getestet lagen die fünf Treffer auf 20 mm beisammen. Zwei Treffer mit 26-g-VM-Geschossen (RWS) lagen 3 cm von der Gruppe entfernt. Es ergab sich somit ein Gesamtschussbild von 48 mm bei sieben Schuss mit TM- und VM-Laborierung. Das ist für das Schießen über die offene Visierung ohne Zweifel ein sehr gutes Ergebnis.

 

Das Redaktions-Fazit

Die Repetierbüchse von Kessler ist im Großwildkaliber .404 Jeffery ein leichtgewicht. Das ist angenehm, wenn man sie bei langen Pirschgängen im Busch tragen muss. Die Leistung der Patrone reicht nicht nur für Grizzly und Elch sondern auch für Lowe und Elefant. Ein Nachteil ist, dass das Gewehr wegen seines leichten Gewichts einen starken Mündungshochschlag aufweist. Ein schneller und gezielter zweiter Schuss ist nicht möglich. Bei der Jagd auf gefährliches Großwild sollte der Begleiter eine schwere Backup-Waffe mit einem starken Kaliber mit bester Stoppwirkung mitführen.

 

Auf einen Blick

 

Vorteile

Extrem führigHervorragende SchussleistungAusgezeichnete SchäftungZuverlässiges SystemHervorragende BalanceHervorragender AbzugSehr gute offene VisierungAusgezeichnete Verarbeitung

 

Nachteile

Geringe MagazinkapazitätStarker Mündungshochschlag (schlecht bei schneller Schussfolge)Niedrige Visierung (siehe Text)Kein heller Mittelstrich auf Kimme

 

Technik auf einen Blick

Waffe: Kessler Großwildbüchse

Hersteller: Roland Kessler, Land-Au 6, 94469 Deggendorf, www.Kesslerin.info, Tel. 0991 284842Waffenart: Repitierer mit Drehzylinderverschluss

Kaliber: .4.4 Jeffery 

Weitere Kaliber: .38Win. Mag., .375 H6H Mag., .458 Win. Mag., .458 Lott

System: Überarbeitetes, verschlanktes Mauser 98er-System mit langem Auszieher, Zweiwarzenverriegelung im Hülsenkopf, Sicherungswarze, Gasschild, manueller Auswerfer

Sicherung: Horizontale Dreistellungssichreung mit Flügelsicherung, direkte Schlagstiftsicherung

Magazin-/-kapazität: Kastenmagazin für 3 Patronen

Abzug: Justierbarer Flintenabzug

Visierung: Rundkorn, dachkantenförmige Kimme mit Rundausschnitt, Sättel mittels Ringen am Lauf befestigt.

Visierlinie: 44 cm

Schäftung: Schlanker Schaft mit Edelholzabschluss am Vorderschaft, Pistolengriff mit Käppchen, gerader Schaftrücken, Deutsche Backe,Gummischaftkappe, Querbolzenverschraubung

Lauf: Gehämmerter, birnenförmiger Jagdlauf

Lauflänge: 63 cm

Hinterschaftlänge: 38 cm

Waffenlänge: 117,5 cm

Waffengewicht: 3,75 kg

Beste Schussleistung (5 Schuss/ 50 m): 2 cm (siehe auch Text)

Preis: 4900,-€

 

Autor: Roland Zeitler

DWJ 11/2006

 

 

Der Kammerstängel ist gerade und endet in einer Kugel. Er verläuft sehr eng am Vorderschaft nach unten, sodass er gerade noch gut zu greifen ist.

Zerlegt: Kessler verwendet ein klassisches 98er-System aus FN-Fertigung. Der originale Abzug wurde durch einen niedrig bauenden Abzug ersetzt.

Ansicht von links: Der Schaft baut vergleichsweise niedrig. Im Bereich des Rückstoßstollens sitzt eine Querbolzenverschraubung.

Sicherung: Kessler baute die originale Flügelsicherung zu einer horizontalen Dreistellungsscherung. Unbeaufsichtigtes Entsichern ist unmöglich.

Büchsenmacher Meisterwerkstatt Waffen Kessler

 

 

 

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