Ein ganz anderer 98er...

 

 

Rheinisch-Westfälischer Jäger (1/2007)

Autor: Norbert Klups

 

6,5x57 Kessler-Repetierer:

 

 

Repetierer mit dem beliebten 98er-Mausersystem sind der Regel wuchtig und schwer, ihr hoch bauendes Abzugssystem lässt dazu keine schnittigen Schäfte zu. Dass man dennoch daraus auch schnittige Repetierer unter drei Kilogramm bauen kann, hat der Büchsenmacher Roland Kessler aus dem niederbayerischen Deggendorf nachhaltig unter Beweis gestellt.

 

Blickfang der Kessler ist der schlanke, schnittige Schaft mit leichtem Schweinsrücken und bayerischer Backe mit zwei Falzen. Der Vorderschaft verjüngt sich stark nach vorn und endet in einer Tropfnase aus Edelholz. Besonders im Magazinbereich hat der Schaft eine für eine 98er ungewöhnlich geringe Bauhöhe. Als System wird aber nicht etwa ein neu gefertigtes Mini-Mauser-System eingesetzt, sondern ein reguläres 98er-Militärsystem aus Berliner DWM-Fertigung von 1909!

 

Mit einer niedrigen EAW-Schwenkmontage ein 3-12x42 Swarowski Habicht AV montiert. Mehr Optik sollte man der eleganten Büchse nicht zumuten – ein 36 mm-Objektiv wäre hier noch harmonischer.

 

Komplett mit Zielfernrohr bringt die Kessler bei einer gesamtlänge von 109,5 cm lediglich 3350 g auf die Waage – leichter kann man 98er wohl kaum bauen. Für die Schaftgestaltung waren technische Kunstgriffe nötig: Der 35,8 mm starke Hülsenkopf und das 5-schüssige Militär-Kastenmagazin verhindern wirkungsvoll eine schlanke und im Magazinbereich niedrige Schäftung. Doch ein kürzeres Magazin allein hätte dem Abzug noch immer zu wenig Platz gelassen (alle erhältlichen Nachrüstabzüge für 98er sind natürlich für die Standardbauhöhe ausgelegt). Roland Kessler musste daher einen völlig neuen Abzug konstruieren – und zwar in zur Verfügung stehende knapp 2,5 cm. Der patentierte Kessler-Abzug ist zweigeteilt, ein Teil ist auf dem Abzugsblech montiert. Seine günstigen Hebelverhältnisse machen Stecher, die sich sowieso nicht unterbringen ließen, überflüssig. Bei wirklich trockener Abzugscharakteristik löste der Abzug der Testwaffe bei 900 g aus. Das gekürzte Magazin nimmt drei Patronen auf. Ein Klappdeckel ermöglicht das Entladen nach unten. Der Drücker für den Magazindeckel sitzt vorn im Abzugsbügel. Der Magazinkasten wurde zur Gewichtserleichterung mit Bohrungen skelettiert. Die Nase am Kammerhalter hat Kessler abgefräst und die militärische Flügel- gegen eine horizontale Jung-Sicherung ausgetauscht. Diese hat wie die Originalsicherung eine Mittelstellung und erlaubt das Öffnen des Verschlusses bei gesicherter Schlagbolzenmutter. Damit sich der Kammerfang bequem bedienen lässt, ist die Stirnseite mit einer griffigen Fischhaut verschnitten. Sorgsam polierte Verschlussbahnen sorgen für einen gleitenden Verschlussgang. Der Kammerstängel mit großer Kugel ist so gebogen, dass er in Höhe des Abzuges endet und schnelles Repetieren ermöglicht. Der Hülsenkopfdurchmesser wurde von 35,8 auf 32,4 mm verringert, das System erscheint dadurch wesentlich zierlicher.

 

Keine Diät zulasten der Präzision

In den schlanken Hülsenkopf wurde ein kaltgehämmerter, 55 cm-Hey-Stufenlauf geschraubt. Ein noch schlankerer Lauf hätte zwar noch ein weiteres Gewicht gespart, doch der Lauf der Testwaffe misst an der Mündung noch 15 mm. Sehr dünne Läufe haben selten gute Schussleistungen und sind entsprechend wärmeempfindlich. Kessler wählt daher eine stärkere Laufkontur und geht dem Problem damit aus dem Weg. Ein guter Kompromiss, was nützen 100 g weniger, wenn die Waffe dadurch nicht präzise schießt?

Die Visierung besteht aus einer nach vorn geneigten, quer geriffelten Kimme mit U-Ausschnitt und einem breiten, roten Balkenkorn. Auf der schlanken Waffe wirken die Visierteile etwas grob, bieten dafür aber ein sehr gutes kontrastreiches Bild. Wie bei der Laufkontur also auch hier ein Kompromiss zwischen Aufmachung und Praxistauglichkeit. Der vordere Riemenbügel ist 22 cm vor der Laufmündung mit einem Ring über den Lauf gezogen – genau der richtige Abstand für eine gut ausbalancierte Trageweise.

 

Elegante Schäftung

Für den Schaft wurde Nussbaumholz mit ansprechender Maserung verwendet (Luxusholz gegen Aufpreis). Die gelungene Schaftform erinnert schon an Kipplaufbüchsen: der Hinterschaft mit leichtem Schweinsrücken und kantiger, bayerischer Doppelfalzbacke ist für Schüsse übers Zielfernrohr ausgelegt. Das Schaftende bildet eine dünne, unventilierte WEGU-Gummikappe. Der Pistolengriff mit leichter Verdickung an der rechten Seite passt selbst in zierliche Damenhände. Um den Übergang vom filigranen Pistolengriff in den breiten Systembereich optisch gut zu überbrücken, verdickt sich der Schaft mit formschönen Backen um die hintere Hülsenbrücke – eine früher häufige Schäftung, die man heute nur selten findet.

Der Vorderschaft verjüngt sich stark bis zur angesetzten Tropfnase aus dunklem Edelholz. Pistolengriff und Vorderschaft sind mit scharfer Fischhaut verschnitten, die für besten Halt sorgt. Trotz der schlanken Schäftung liegt die Kessler sehr gut im Anschlag und auch ausgewachsene Männer können mit der zierlichen Büchse gut und sicher umgehen. Das gesamte System- und Laufbett bis kurz hinter die zweite Stufe ist mit Kunstharz ausgegossen. Die Einpassung von System und Magazinkasten im Schaft ist vorbildlich ausgeführt, und der Lauf kann im Vorderschaft frei schwingen.

 

5 Schuss auf 2,2 cm!

Die Testwaffe im Kaliber 6,5x57 wurde auf 100 m Standardentfernung (Preuß'sches Schießgestell) geschossen. Zwischen den Schüssen wurden Pausen von jeweils 10 Minuten eingehalten. Ein erstes Schussbild (RWS 6 g TMS) ergab einen 5-Schuss-Streukreis von 3,4 cm. Ein zweites Bild mit dem 8,2 g Kegelspitzgeschoss von RWS brachte ein ähnlich gutes Ergebnis: 3,5 cm.

Zur Höchstform lief die Testwaffe jedoch mit einer bewährten Handlaborierung (7,8 g Nosler Ballistic-Tip vor 44 Grains Rottweil R 907) auf. Damit lagen die fünf abgegebenen Schüsse in einem Streukreis von ganzen 2,2 cm. Eine bemerkenswerte Schussleistung für den kleinen 98er.

 

Fazit:Roland Kessler zeigt, dass auch unter Verwendung des altbewährten Mauser-Systems M 98 der Bau schnittiger und fast schon zierlich zu nennender Repetierer möglich ist. Komplett mit Zielfernrohr wiegt die Kessler nicht mehr als ein Standard 98er ohne Optik. Drei Patronen im Magazin sind ausreichend und bieten genügend Feuerkraft für eine Jagdwaffe.

 

Der hohe Anteil an Büchsenmacherarbeit schlägt sich natürlich im Preis nieder und so müssen für die Kessler Superleicht 4850,- DM auf den Tisch gelegt werden. Viel Geld für einen Repetierer mit überarbeitetem Militärsystem, doch die umfangreichen Modifikationen und die Handschäftung sind entsprechend zeitaufwendig. Dafür erhält der Käufer nicht nur eine praxisgerechte, präzise und wirklich schnittige Jagdwaffe, sondern auch ein Stück guter Büchsenmacherarbeit, und da jede Büchse nach Kundenabsprache gefertigt wird, auch ein Stück Individualität.

 

Technik auf einen Blick

Hersteller: Roland Kessler, Deggendorf

Vertrieb: Manfred Alberts, Wiehl

Verschluss: Mauser M 98 (DWM, Berlin, 1909), Gewichtseinsparungen a.d. Verschlusshülse, neuer Kammerstängel

Magazin: Kastenmagazin für 3 Patronen in Zickzacklagerung, Klappdeckel

Abzug: Flintenabzug

A.-widerstand: 900 g

Sicherung: seitliche Dreistellungssicherung (Jung)

Lauf: gehämmerter Heym-Lauf mit zwei Stufen

Lauflänge: 55 cm

Visierung: Standvisier mit U-Kimme, Balkenkorn aus rotem Kunststoff, Visiersockel aufgelötet

Riemenbügel: vorderer mit Ring über den Lauf gezogen

Schaft: aus Nussbaum (Ölschliff), Hinterschaft mit Schweisrücken, bayr. Backe, Fischhaut (Pistolengriff u. Vorderschaft), Gummischaftkappe, Vorderschaft-Tropfnase aus Edelholz

Zielfernrohr: Swarowski Habicht AV 3-12x42

Montage: EAW-Schwenkmontage

Gewicht: ohne Zielfernrohr 2950 g, mit Zielfernrohr 3350 g

Gesamtlänge: 109,5 cm

Preis: 4850,- DM

Büchsenmacher Meisterwerkstatt Waffen Kessler

 

 

 

Öffnungszeiten Ladengeschäft

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Weitere Termine wie Werkstattbesuche, Schießen, Schaftholzauswahl, nach Vereinbarung.

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Tel.: +49 991 - 28 48 42

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