Die Kesslerin - schießende Zier

 

 

 

Pirschjäger bevorzugen leichte, führige Büchsen, deren Gewicht auch im schwierigen Gelände oder beim stundenlangen Tragen nicht zur Last wird. Schlanke Kipplaufbüchsen oder spezielle Repetierer, so genannte Mountain-Rifles, sind hier die beste Wahl. Das beliebte 98er-System wird für solche Büchsen kaum eingesetzt, denn es hat von Hause aus zu viel Gewicht und das hoch bauende Abzugssystem lässt keine schnittigen Schäfte zu.

Der Büchsenmacher Roland Kessler aus Deggendorf hat diese Probleme beseitigt und baut seit Jahren eine Pirsch büchse mit 98er System, die knapp 3,2 Kilogramm wiegt und durch eine superschlanke Optik überrascht. Bisher wurden alte DWM-Militärsysteme mühevoll abgedreht, überarbeitet und auf die schlanke Kontur gebracht. Die neue Kesslerin kommt jetzt mit einem komplett neu gefertigten 98er-System. Die Vertretung für Österreich hat die Fa. Erich Hofer, Plankengasse 7, Wien übernommen.

 

98er System mit Double-Square-Bridge

Das neue Kessler-System ist ein originalgetreuer Nachbau des bewährten 98er-Mauser-Systems, nur wurden hier die Dimensionen erheblich verringert. In zwei Jahren Entwicklungszeit hat Roland Kessler in Zusammenarbeit mit einem CNC-Fertigungsbetrieb das alte Mausersystem auf die neuen Dimensionen gebracht. Hat der Hülsenkopf bei einem Originalsystem einen Durchmesser von 38,5 Millimeter, so misst die Kesslerin hier nur 32,5 Millimeter. Das macht sich nicht nur bei den Abmessungen, sondern auch beim Gewicht erheblich bemerkbar. Die Höhe des Magazinkastens wurde durch die Beschränkung auf drei Patronen fast halbiert. Besonders im Bereich des Magazinkastens ist die Kesslerin daher extrem schlank. Der Abstand von der Oberkante der vorderen Hülsenbrücke bis zur Schaftunterseite misst trotz Square Bridge lediglich 55 Millimeter. Um auch beim Magazin noch Gewicht zu sparen, ist der im Schaft liegende Magazinkasten skelettiert. Ein Klappdeckel ermöglicht das Entladen nach unten. Der Drücker für den Magazindeckel sitzt vorn im Abzugsbügel.

 

 

Horizontal arbeitende Dreistellungssicherung mit Sperrknopf, der unbeabsichtigtes Entsichern verhindert.

  

Bei einer Neufertigung können natürlich auch gleich die für Jagdbüchsen unerwünschten Elemente des alten Militärsystems eliminiert werden. So gibt es natürlich kein Daumenloch und die Hülsenbrücken wurden als Double-Square-Bridge aus dem vollen Material herausgearbeitet. Das ermöglicht eine sehr elegante Zielfernrohrmontage. Das 14 mm Prismenstück für die Hinterfußverriegelung fräst Roland Kessler direkt aus der hinteren Hülsenbrücke und der Drehring für den Vorderfuß wird einfach von oben in die vordere Brücke eingelassen und verschraubt. So muss nichts aufgelötet werden und alles wirkt wie aus einem Guss. Der lange Mauserauszieher und der Hülsenauswerfer in der hinteren Hülsenbrücke sind wie beim Original und auch der Kammerhalter sitzt an gewohnter Stelle. Der Kammerstengel fällt im Verhältnis zum zierlichen Verschluss recht lang aus, was aber für eine sichere Handhabung erforderlich ist. Die 21,5 mm dicke Kammerkugel liegt satt in derHand. Das flache Schlösschen ist mit einer horizontal arbeitenden Dreistellungssicherung mit Verriegelung ausgestattet.

 

 

Das Kimmenblatt ist mittig mattiert.

  

Um den Sicherungsflügel aus der hintersten Position zu bewegen, musserst die Drucktaste seitlich am Schlösschen betätigt werden. So wird ein unbeabsichtigtes Entsichern – eine bekannte Schwachstelle vieler horizontal arbeitenden 98er Sicherungen – sicher vermieden. Das System läuft seidenweich und lässt sich fließend repetieren. Gegenüber den alten Militärsystemen eine spürbare Verbesserung. Einen der herkömmlichen Abzüge für 98er Systeme kann Roland Kessler hier natürlich nicht benutzen, dazu reicht der durch den kleinen Magazinkasten beschränkte Platz nicht aus. Der von Kessler speziell für dieses System konstruierte Direktabzug lässt sich von 600 -1200 g individuell einstellen und löst trocken und ohne spürbaren Weg aus. Einstellbar sind Vorzug, Abzugswiderstand und Triggerstopp. Ein Stecher ist hier wirklich überflüssig. Bei der Testwaffe stand der Abzug sogar auf nur 550g Gewicht. Das Abzugszüngel sitzt ganz hinten im Abzugsbügel und so ist eine Menge Platz vorhanden, um auch mit Handschuhen noch sicher abziehen zu können.

 

 

 

Das Balkenkorn mit Messingauflage ist seitlich in den Träger eingeschoben.

 

55 cm Lauf von Lothar Walther

 

 

Die Lauflänge von 55 cm ist ein guter Kompromiss zwischen Führigkeit und Ausnutzung der Patronenleistung. Die Büchse kommt damit auf eine Gesamtlänge von 110 Zentimeter. Der Lauf stammt von Lothar Walther und wird dort nach speziellen Vorgaben von Roland Kessler gefertigt. Er hat einen Mündungsdurchmesser von 15 Millimeter. Sicher wäre ein schlankerer Lauf möglich und würde auch noch beim Gewicht sparen, aber zu dünne Läufe schießen bekanntlich nicht sehr präzise. Hier macht Kessler keine Kompromisse, denn ohne eine gute Präzision ist die eleganteste Waffe nichts wert. Der vordere Riemenbügel wird mit einem Ring über den Lauf gezogen und hat einen Abstand zur Mündung von 22,5 Zentimeter. Damit sitzt er optimal, um die Waffe gut ausbalanciert am Gewehrriemen zu tragen. Der hintere Riemenbügel wird mit zwei Schrauben in das Holz des Hinterschaftes verschraubt. Damit ist er gegen Verdrehen gesichert.

 

Schlanker Schaft und ausgesuchte Hölzer

Blickfang der Kesslerin ist der schlanke, schnittige Schaft mit geradem Rücken und deutscher Backe. Der Vorderschaft verjüngt sich stark nach vorn und endet in einer Schaftnase aus Büffelhorn. Auch das flache Pistolengriffkäppchen besteht aus poliertem Horn. Der Pistolengriff ist flach gehalten und betont noch die gestreckte Linie der eleganten Büchse. Um den Übergang vom filigranen Pistolengriff in den wesentlich breiteren Systembereich optisch gut zu überbrücken, verdickt sich der Schaft mit formschönen Backen im Bereich der hinteren Hülsenbrücke, wie sie an den alten Mauser Repetierern oft zu finden waren. Vorderschaft und Pistolengriff sind mit feiner Fischhaut verschnitten. Das lässt Kessler außer Haus machen, während die Handschäftung in eigener Werkstatt erfolgt. Die Fischhaut an der Testwaffe ist fehlerfrei und hält auch eine Betrachtung unter der Lupe stand. Abgeschlossen wird der Schaft mit einer dünnen, roten Gummikappe ohne Ventilationsschlitze. Die Holz/Metallpassung der Testwaffe war sorgsam ausgeführt und eine Systembettung mit Kunstharz sorgt für den exakten Systemsitz. Eine Querstollenverschraubung mit hübsch gravierten und grau gebeizten Deckschrauben sorgt für eine günstigere Übertragung der Rückstoßkräfte. Der Schaft besteht aus honiggelbem, reich gemasertem Nussbaumholz, ist aufwendig poliert und mit Trueoilauf Hochglanz gebracht. Roland Kessler hat ständig ein Dutzend erstklassiger Schafthölzer in seiner Werkstatt und der Kunde kann sich sein Holz aussuchen. Die Kesslerin entsteht in Einzelanfertigung genau nach Kundenwünschen und die Details werden vom Kunden bestimmt.

 

 

 

Das Magazin hat einen Klappdeckel. Der Drücker sitzt im Abzugsbügel. Fassungsvermögen: Drei Patronen.

 

Offene Visierung und Zielfernrohrmontage

Als offene Visierung besitzt die Büchse ein Standvisier mit hoch gezogenen Seiten und 2,2 Millimeter breiter Rechteckkimme, sowie ein dazu passendes Balkenkorn mit Messingsauflage Damit lässt sich sowohl ein präziser Schuss auf größere Distanz abgeben, wie auch einschneller Fangschuss auf kurze Entfernung. Die Kimme ist seitlich in den Schwalbenschwanz des Laufsockels eingeschoben, der genau wie der Kornträger aufgelötet ist. Das Kimmenblatt ist in der Mitte mattiert -während die Umrandung poliert wurde. Dies sieht sehr edel aus, ist aber beim Visieren im Anschlag nicht zu erkennen. Alle Metallteile sind sehr gut poliert und tiefschwarz brüniert. Die Waffe spiegelt wie ein schwarzer Diamant. Für den Waffenliebhaber ein toller Anblick, und wer handwerkliche Arbeit einschätzen kann, weiß wie viele Arbeitssunden hier investiert wurden. In der Praxis kann eine solche Oberfläche aber auch zu Problemen führen, weil sie leicht Lichtreflexe auslöst. Bei einer Jagd in heißen Ländern würde ich zumindest die Stellen vor der offenen Visierung mit mattem Tesafilm abkleben, um dies auszuschließen. In der Regel wird eine Büchse dieser Art aber fast ausschließlich über das Zielfernrohr geschossen. Die Testwaffe war mit einem Zeiss Zielfernrohr 2,5 - 10 x 50 mit Leuchtabsehen ausgestattet. Von den Dimensionen her verträgt sich das kompakte Zeiss noch ganz gut mit der schlanken Waffe und bietet durch den 50 mm Objektivdurchmesser ausreichend Lichtreserven für alle Gelegenheiten. Die Oberteile der Zielfernrohrmontage stammen von Recknagel. Kessler verwendet hier die Eramatic Drehringmontage. Beim Testschießen zeigten sich auch nach wiederholtem Abnehmen und Aufsetzen des Zielfernrohres keine Veränderungen in der Treffpunktlage.

 

 

 

Um Gewicht zu sparen, ist der Magazinkasten skelettiert

 

Auf dem Schießstand

Trotz der schlanken Schäftung liegt die Kesslerin sehr gut im Anschlag und auch „ausgewachsene Männer“ können mit dieser zierlichen Büchse gut und sicher umgehen. Die Testwaffe war für das Kaliber 8 x 57 IS eingerichtet. Die Büchse wurde auf die Standardprüfentfernung von 100 Meter unter Verwendung eines Preußschen Schießgestelles geschossen. Zwischen den Schüssen wurden Pausen von jeweils 10 Minuten eingehalten. Ein Schussbild mit der Geco-Laborierung 12,7 g Teilmantel-Rundkopf ergab einen Streukreis von 1,8 cm bei fünf abgegebenen Schüssen. Eine bemerkenswert gute Schussleistung für den kleinen 98er.

 

Resümee

Die vorgestellte Pirschbüchse von Roland Kessler sieht nicht nur elegant und schnittig aus, sondern sie ist auch sehr präzise und dazu praxisgerecht ausgestattet. Eine ideale Begleiterin für lange Pirschgänge, bei denen eine leichte Büchse von Vorteil ist.Das neu gefertigte Mausersystem mit dem langen Auszieher kombiniert die Sicherheit des 98ers mit den Vorteilen moderner Materialien und hochpräziser Fertigungsmethoden. Hier klappert nichts mehr und die Kammer läuft wie auf Schienen ohne Ruckeln und haken.Dazu ein Abzug, der auch verwöhnte Sportschützen tief Luft holen lässt. Drei Patronen im Magazin sind ausreichend und bieten genügend Feuerkraft für eine Jagdwaffe.

 

 

Nah an der Perfektion:Das Schussbild von 1,8 cm bei fünf Schüssen auf 100 Meter

  

Der hohe Anteil an Büchsenmacherarbeit und das komplett neu gefertigte System samt Magazinkasten schlagen sich natürlich im Preis nieder und so müssen für die Kesslerin € 8.450 auf den Tisch gelegt werden. Dafür erhält der Käufer für sein Geld nicht nur eine praxisgerechte, präzise und wirklich schnittige Jagdwaffe, sondern auch ein Stück guter Handarbeit und da jede Büchse nach Kundenabsprache gefertigt wird, auch ein Stück

Individualität.

 

Auf einen Blick

 

Hersteller: Roland Kessler, Deggendorf

Modell: Kessler Classik

Kaliber: Testwaffe 8x57 IS. Alle Standardkaliber erhältlich.

Verschluss: Neues 98er System mit langem Mauser-Auszieher

Magazin: Kastenmagazin für 3 Patronen in Zickzacklagerung, Klappdeckel.

Abzug: Direktabzug

Abzugswiderstand: 550 g

Sicherung: seitliche Dreistellungssicherung

Lauf: Lothar Walther

Lauflänge: 55 cm

Gesamtlänge: 110 cm

Visierung: Standvisier mit R echteck-Kimme, B alkenkorn mit Messingauflage, Visiersockel aufgelötet.

Schaft: aus gutem Nussbaumholz in Ölschliffausführung, gerader Schaftrücken und deutsche Backe, Fischhaut am Pistolengriff und Vorderschaft, Gummischaftkappe

Zielfernrohr: Zeiss 2,5 – 10 x 50 mit Leuchtabsehen

Montage: Eramatic-Schwenkmontage

Gewicht: ohne Zielfernrohr: 3.250 g, mit Zielfernrohr: 3.950 g

Preis: 8.450€(alle Angaben ohne Gewähr)

 

Autor: Norbert Klups

Büchsenmacher Meisterwerkstatt Waffen Kessler

 

 

 

Öffnungszeiten Ladengeschäft

Mi, Do, Fr: 14.00 - 18.00 Uhr

Weitere Termine wie Werkstattbesuche, Schießen, Schaftholzauswahl, nach Vereinbarung.

Land - Au 6 • 94469 Deggendorf

Tel.: +49 991 - 28 48 42

Fax: +49 991 - 28 48 41

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