Büchsenmacher aus Leidenschaft

 

Der Name Kessler ist untrennbar mit einem Repetierer verbunden, der nach seinem Schöpfer benannt ist – die Kesslerin. Wobei die Bezeichnung „die Kesslerin“ eigentlich nicht ganz richtig ist, denn dabei handelt es sich um eine ganze Modellfamilie.

 

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Auch die Entwicklung war keine einmalige Sache, sondern läuft stetig weiter. Zu verbessern gibt es schließlich immer etwas und wer wie Büchsenmachermeister Roland Kessler nicht einfach Waffen und Zubehör über die Ladentheke reicht, sondern viel lieber in der Werkstatt steht und tüftelt, findet immer wieder Kleinigkeiten, die noch besser gemacht werden können.

 

Bis der erste Kunde eine „Kesslerin“ in Empfang nehmen konnte, war es jedoch ein langer Weg. Er begann vor 40 Jahren in Münnerstadt am damaligen Standort der Firma Heym. Dort absolvierte Roland Kessler von 1972 bis 1977 eine Ausbildung zum Systemmacher. Solche Fachleute fertigen Verschlussstücke für Kipplaufwaffen oder Waffen mit Blockverschluss – ein Beruf mit langer Tradition, den es heute aber so gar nicht mehr gibt. Der Beruf wurde am 16. Juni 1937 anerkannt und am 1. August 1987 aufgehoben.

 

Roland Kessler ist also eigentlich ein Spezialist für Kipplaufwaffen. 1977/78 arbeitete er zunächst bei Waffen Kerner im fränkischen Bad Königshofen, bevor er zum Traditionsbetrieb Kuchenreuter in den Bayerischen Wald nach Cham wechselte. Dort blieb er bis 1982.

 

1980 legte er vor der Handwerkskammer Oberbayern die Meisterprüfung zum Büchsenmachermeister ab. Jetzt standen ihm alle Wege offen und er schnupperte zunächst mal am Duft der großen weiten Welt und ging in die USA. Deutsche Büchsenmacher sind dort höchst willkommen undRoland Kessler arbeitete von 1982 bis 84 bei Paul Jaeger in Philadelphia – eine der ersten Adressen für Custom-Rifles in den USA, dort baute Kessler edle Repetierer aus besten Komponenten. Die Ursprünge von Jaeger liegen in Suhl, man nennt die alteingesessene Firma in den USA auch „The German gunsmiths“ – ein passender Platz für Roland Kessler, an dem er viel über High-End- Repetierer lernen konnte. Bereits 1985 wurde ein Jaeger-Custom-Repetierer auf einer Auktion in den USA für 140 000 US Dollar verkauft. 1985 kehrte Kessler nach Deutschland zurück und gründete im niederbayerischen Deggendorf, nahe der Grenze zu Österreich, sein eigenes Unternehmen. Waffen Kessler galt schon bald als Begriff für Qualität und Zuverlässigkeit – und Roland Kessler machte alles, was in einem Büchsenmacherbetrieb so anfällt: von Zielfernrohrmontagen über den Einbau von Einsteckläufen bis zur Restauration von Kipplaufwaffen. Als gelernter Systemmacher verfügte er dazu über das nötige Fachwissen. Bis zur Geburt der Kesslerin vergingen aber noch fast 15 Jahre, der Gedanke, eine besonders leichte und schlanke Repetierbüchse zu bauen, kam ihm bei der Jagd. Besonders die Bergjagd hatte es ihm angetan, durch die Nähe zu Österreich bestand dazu auch reichlich Gelegenheit. Bergjäger bevorzugen leichte Büchsen, die sich angenehm tragen lassen. Kipplaufbüchsen sind dazu besonders beliebt, viel leichter und schlanker lässt sich kaum ein Waffentyp fertigen. Ihr Nachteil ist aber, dass nur ein Schuss vorhanden ist. Trifft die erste Kugel nicht die richtige Stelle und kommt das Stück außer Sicht, bevor man nachgeladen hat, steht eine Nachsuche an, was im Gebirge für Jäger und Hund besonders schwierig und auch gefährlich sein kann. Roland Kessler bevorzugte daher auch bei der Bergjagd stets Repetierer, ärgerte sich aber über ihr hohes Gewicht. So lag der Gedanke nahe, einen Repetierer zu bauen – so schlank und leicht wie eine Kipplaufbüchse, aber nicht mit deren beschränkter Feuerkraft. Drei Schuss sollten reichen für einen Bergjäger. Fabrikmäßig hergestellte Repetierer haben größere Magazine, was sie entsprechend groß und schwer macht. Auch Systeme und Schäfte sind oft überdimensioniert.

 

Schaut man sich alte Büchsen (etwa die ersten Mannlicher Schönauer) an, staunen moderne Jäger, wie schlank sich eigentlich Repetierer bauen ließen. Die Idee war geboren, doch sie auch mzusetzen, war alles andere als einfach. 1999 war es so weit: Die erste Kesslerin war fertig. Und Roland Kessler ließ sich einen Gebrauchsmusterschutz für den Kompaktabzug eintragen, der zu den maßgeblichsten Bauteilen der neuen Büchse gehört.

 

Die erste Kesslerin

Das Herz der Kesslerin ist ein 98er-System, eigentlich alles andere als die ideale Ausgangsbasis für einen superleichten Repetierer, dafür aber immer noch eines der sichersten und besten Systeme. Kessler verwendete 98er-Militärsysteme aus Berliner DWM-Fertigung von 1909 – beliebte Systeme für Custom Repetierer, die durch in großer Stückzahl hergestellte Militärsysteme einst auch noch ausreichend zur Verfügung standen. Heute sind 1909er- Systeme dagegen selten – und auch schon lange nicht mehr günstig.

 

Aber zurück ins Jahr 1999: Jagdbüchsen mit 98er-System waren nie wirklich schlank, auch wenn die ursprünglich von Mauser selbst gefertigten Pirschbüchsen schon sehr elegant waren. Der mit 35,8 mm reichlich stark dimensionierte Hülsenkopf und das militärische Kastenmagazin für fünf Patronen verhindern wirkungsvoll eine schlanke und im Magazinbereich niedrige Schäftung.

 

Nur mit einem Kürzen des Magazins war es auch nicht getan, denn dann reicht der Platz für den Abzug nicht mehr aus – alle auf dem Markt vertretenen Nachrüstabzüge für 98er sind für die Standardbauhöhe ausgelegt. Kessler musste für seinen 98er- Repetierer mit schlankem Drei-Schuss-Magazin also ein völlig neues Abzugssystem konstruieren: Der zur Verfügung stehende Platz nach der Reduzierung der Magazinkapazität auf drei Patronen beträgt knapp 2,5 cm – nicht gerade viel. Der patentierte Kessler-Abzug ist daher zweigeteilt – ein Teil ist auf dem Abzugsblech montiert. Die Konstruktion ist an sich ganz einfach und simpel. Es werden auch weitgehend modifizierte Originalteile des Militärabzuges verwendet. Das federbelastete, mit dem Abzugsblech verbundene Züngel ist mit einem Kreuzstück verbunden, das oben ein angearbeitetes V-förmiges Raststück aufweist, auf dem sich der Abzugsstollen abstützt.

Die Kraft der Schlagfeder wird über die angeschrägte Schlagbolzenmutter und die Rast des Abzugsstollens auf das Kreuzstück übertragen. Die so entstandenen günstigen Hebelverhältnisse machen einen (Rück-) Stecher, der sich beim noch verbliebenen Spielraum sowieso nie unterbringen ließe, überflüssig. Bei wirklich trockener Abzugscharakteristik löst ein Kessler-Abzug bei 600–800 Gramm aus – ein erstklassiger Abzug, der aber sehr saubere Arbeit beim Einschäften verlangt.

 

Die Systemlage muss bei diesem zweigeteilten Abzug unbedingt unveränderlich festgelegt sein, sonst kommt es zu Störungen, da die exakte Passung der Rastgriffe ja durch die Zusammenführung von Hülse und Abzugsblech erfolgt. Der Magazinkasten wurde gekürzt und nimmt jetzt noch drei Patronen auf, ein Klappdeckel ermöglicht das Entladen nach unten. Der Drücker für den Magazindeckel sitzt vorn im Abzugsbügel. Magazinkasten und Klappdeckel sind aber keine Neuanfertigung, diese Einrichtung besaß das Mauser-System 1909 schon von Hause aus. Der Magazinkasten wurde zur Gewichtserleichterung mit Bohrungen skelettiert.

 

Die Nase am Kammerhalter fräst Kessler ab und tauscht die militärische Flügelsicherung gegen eine horizontal arbeitende aus. Seine Version hat, wie die Originalsicherung, eine Mittelstellung und erlaubt das Öffnen des Verschlusses bei gesicherter Schlagbolzenmutter. Damit sich der Kammerfang bequem bedienen lässt, ist die Stirnseite mit griffiger Fischhaut verschnitten. Die sorgsam polierten Verschlussbahnen sorgen für einen gleitenden Verschlussgang. Der Kammerstengel mit großer Kugel ist so gebogen, dass er in Höhe des Abzuges endet und so schnelles Repetieren ermöglicht. Um die Büchse möglichst schlank zu halten, wurde der Durchmesser des Hülsenkopfes von ursprünglich 35,8 auf 32,4 mm verringert. Das System erscheint dadurch wesentlich zierlicher.

 

Durch die aufwendigen und umfangreichen Modifikationen verwandelte Kessler ein grobes Militärsystem in ein schlankes, niedrig bauendes System für elegante Jagdbüchsen. In den jetzt schlanken Hülsenkopf wird ein kalt gehämmerter, 55 cm-Heym-Stufenlauf geschraubt. Eigentlich wäre ein noch schlankerer Lauf zu erwarten gewesen (um Gewicht zu sparen), doch der Lauf der Kesslerin misst an der Mündung noch 15 mm. Sehr dünne Läufe haben selten eine wirklich gute Schussleistung und sind entsprechend wärmeempfindlich. Kessler wählt daher eine etwas stärkere Laufkontur und geht diesem Problem damit aus dem Weg – sicher ein guter Kompromiss, denn was nützen eingesparte 100 Gramm, wenn die Waffe dadurch nicht präzise schießt? Für den Schaft wird Nussbaumholz mit ölgeschliffener Oberfläche verwendet. Die Schaftform kann nur als gelungen bezeichnet werden und erinnert an Kipplaufbüchsen.

 

Der Hinterschaft mit leichtem Schweinsrücken und kantiger, bayerischer Doppelfalzbacke ist zum Schuss übers Zielfernrohr ausgelegt. Der schlanke Pistolengriff mit leichter Verdickung an der rechten Seite ist so schlank, dass er auch in zierliche Damenhände passt. Das Pistolengriffkäppchen besteht aus Edelholz.

 

Durch das gekürzte Magazin und den flach bauenden Abzug hat die Kessler keinen „Bauch“ und bleibt auch im Magazinbereich schnittig. Um den Übergang vom filigranen Pistolengriff in den wesentlich breiteren Systembereich optisch gut zu überbrücken, verdickt sich der Schaft mit formschönen Backen an der hinteren Hülsenbrücke – eine früher recht häufige Gestaltung, die man heute nur noch selten findet.

 

Der Vorderschaft besteht gerade aus so viel Holz, wie unbedingt nötig und verjüngt sich stark bis zur angesetzten Tropfnase aus dunklem Edelholz. Pistolengriff und Vorderschaft sind mit scharfer Fischhaut verschnitten, die für besten Halt sorgt. Trotz der schlanken Schäftung liegt die Kesslerin sehr gut im Anschlag und auch „ausgewachsene Mannsbilder“ können mit der zierlichen Büchse gut und sicher umgehen.

 

Das gesamte Systembett und auch das Laufbett bis kurz hinter der zweiten Stufe sind mit Kunstharz ausgegossen. Hinten ist eine Pilarbettung angebracht; bei der vorderen Systemschraube sitzt der Gewindestollen durch die dort sehr schlanke Schäftung fast direkt auf dem Abzugsblech.

 

Eine Querstollenverschraubung mit hübsch gravierten und grau gebeizten Deckschrauben sorgt für eine günstigere Übertragung der Rückstoßkräfte.

Die schlanke Büchse mit Magazin für drei Patronen wurde ein Erfolg, und viele Bergjäger kamen nach Deggendorf, um sich eine Kesslerin bauen zu lassen. Große Stückzahlen konnte Roland Kessler von dieser in reiner Handarbeit entstehenden Büchse allerdings nicht herstellen, zumal das Überarbeiten der 98er-Militärsysteme sehr aufwendig ist. Wer so eine individuelle Waffe haben will, nimmt aber auch gern Wartezeiten in Kauf.

 

Nichts ist aber so gut, dass es nicht noch verbessert werden kann. Als die wirklich guten Militärsysteme knapp wurden, dachte Roland Kessler darüber nach, sein Baby zu modernisieren – und so entstand die „neue Kesslerin“.

 

Die neue Kesslerin 

Das neue Kessler-System ist technisch ein originalgetreuer Nachbau des bewährten 98er-Mauser- Systems, nur wurden dazu die Dimensionen von vornherein erheblich verringert. In zwei Jahren Entwicklungszeit verpasste Roland Kessler in Zusammenarbeit mit einem CNC-Fertigungsbetrieb dem alten Mausersystem neuen Dimensionen.

 

Bei einer Neufertigung konnten natürlich auch gleich für Jagdbüchsen unerwünschte Elemente des alten Militärsystems eliminiert werden – so gibt es natürlich kein Daumenloch und die Hülsenbrücken wurden als Double-Square-Bridge aus dem vollen Material herausgearbeitet. Das ermöglicht sehr elegante Zielfernrohrmontagen – das 14-mm- Prismenstück zur Hinterfußverriegelung fräst Kessler direkt aus der hinteren Hülsenbrücke, und der Drehring für den Vorderfuß wird einfach von oben in die vordere Brücke eingelassen und verschraubt. So muss nichts aufgelötet werden, alles wirkt wie aus einem Guss.

 

Der lange Mauserauszieher und der Hülsenauswerfer in der hinteren Hülsenbrücke sind wie beim Original, auch der Kammerhalter sitzt an gewohnter Stelle. Im Verhältnis zum zierlichen Verschluss fällt er recht lang aus, was aber für eine sichere Handhabung erforderlich ist. Die 21,5 mm dicke Kammerkugel liegt satt in der Hand.

 

Das flache Schlösschen ist mit einer horizontal arbeitenden Dreistellungssicherung mit Verriegelung ausgestattet. Um den Sicherungsflügel aus der hintersten Position zu bewegen, muss erst die Drucktaste seitlich am Schlösschen betätigt werden – so wird unbeabsichtigtes Entsichern (bekannte Schwachstelle vieler horizontal arbeitender 98er-Sicherungen) sicher vermieden. Das System läuft seidenweich und lässt sich fließend repetieren – gegenüber alten Militärsystemen eine spürbare Verbesserung. Auch der Abzug wurde noch einmal verbessert und löst jetzt schon bei 500 bis 600 g aus. Die Läufe der 2. Generation stammen von Lothar Walther und werden dort nach speziellen Vorgaben von Roland Kessler gefertigt. Durch die Neufertigung des 98er-Systems sind jetzt auch Linkswaffen möglich.

 

Kessler-Abzug für jedermann

Die Qualität des Kessler-Abzuges sprach sich schnell herum und viele Kunden fragten, ob dieser Abzug nicht auch in ihrer Jagdbüchse eingebaut werden kann. Obwohl Kessler ein 98er-System verwendet, lässt sich sein Abzug leider nicht für Standard-98er verwenden, denn der niederbayerische Tüftler verkleinert bei der Kesslerin ja, wie beschrieben, die Magazinbauhöhe, um eine möglichst elegante Büchse zu bauen. Dadurch ändert sich natürlich die komplette Bauhöhe, wodurch der Kessler-Abzug für normale 98er zu niedrig ist. Aufgrund der Nachfrage konstruierte Roland Kessler dann aber auch einen Flintenabzug für Standard- Systeme, der sich problemlos in jede Jagdbüchse mit 98er-System verbauen lässt – ein Umbau, der sich lohnt.

 

Der Abzug besteht komplett aus Stahl und macht einen äußerst soliden Eindruck. Eine Fixierschraube sorgt für sicheren Halt am System, einstellbar sind Vorzug, Abzugswiderstand und Triggerstopp. Die Abzugscharakteristik hat Matchqualität – werden Vorzug und Triggerstopp sorgsam justiert, verhält sich der Abzug wie „brechendes Glas“. Im Abzugsfinger ist nicht der geringste Weg zu spüren – einfach den Druck erhöhen, bis es knallt. Die solide Ganzstahlkonstruktion wird gern bei Großwildbüchsen verwendet, darin sollte der Abzug aber nicht zu leicht justiert werden. Durch die vielfältigen Einstellmöglichkeiten ist die Justierung ganz nach eigenem Geschmack aber völlig problemlos.

 

Ein zweiter Klassiker

Ein Mannlicher Schönauer-Stutzen in seiner ursprünglichen Form ist für viele Waffenliebhaber die eleganteste Repetierbüchse überhaupt. Die kurze, sehr schlanke Waffe mit dem legendären Trommelmagazin und dem butterweichen Schlossgang ist zwar technisch längst nicht mehr auf der Höhe der Zeit, doch sie ist eben ein echter Klassiker. Roland Kessler hat aber noch eins draufgesetzt und baut Mannlicher-Stutzen, die gegenüber dem Original noch schlanker und eleganter ausfallen. Nimmt man eine solche Waffe zur Hand, ist sofort das „vertraute Gefühl“ da, das jeder kennt, der je einen solchen Stutzen führte.

 

Doch irgendwas ist anders – die Büchse ist rund ums Magazin deutlich schlanker, ganz wie bei der berühmten Kesslerin. Beim Mannlicher ist das jedoch noch wesentlich aufwendiger: • Ein 98er-Magazin zu kürzen, ist nicht wirklich schwer.• Einen Abzug zu konstruieren, der in den verbleibenden Raum passt, schon deutlich aufwendiger. Das Trommelmagazin eines Mannlicher kann man aber nicht einfach unten absägen.

 

Roland Kessler hat das Problem gelöst, sein Kessler- Mannlicher-Stutzen hat ein Trommelmagazin für drei Patronen, das genauso funktioniert wie gewohnt: Wird die Taste im Auswurffenster gedrückt, spuckt das Magazin die Patronen aus – nur gehen dort statt fünf eben nur drei Patronen hinein.

 

Dafür ist die Büchse im Bereich des Magazins nur noch 48 mm hoch – eine kräftige Männerhand kann sie dort einfach umschließen. Kessler benutzt originale Mannlicher Systeme für seine Stutzen – alles andere ist neu. Die 50-cm-Läufe stammen wie bei der Kesslerin aus Lothar-Walther-Fertigung. Damit kommt die Büchse auf eine Gesamtlänge von 104 cm und wiegt 2,9 kg. Das System ist sorgfältig poliert und hochglänzend brüniert. Hier wurde nichts verändert, auch die Original-Flügelsicherung und der charakteristische, flache Kammerstengel sind erhalten. Nicht verwendet werden kann der originale Abzug; durch das gekürzte Magazin passt er nicht mehr. Daher verbaut Kessler den modifizierten Abzug aus seiner „Kesslerin“ – der trockenstehende Flintenabzug löst bei 650 g aus und ist dem originalen Mannlicher Abzug deutlich überlegen.

 

Individuelle Schäftung

Wer jetzt einen klassischen Mannlicher-Stutzenschaft erwartet hat, wird enttäuscht. Roland Kessler wählte eine Form, die vom Mannlicher-Stil abweicht und die Individualität seiner Büchse unterstreicht.

 

Der Hinterschaft hat einen leichten Schweinsrücken und eine bayerische Backe mit Doppelfalz. Der Pistolengriff mit Edelholzabschluss fällt steil aus und hat eine handfüllende Verdickung an der rechten Seite. Der schlanke Vorderschaft wird ebenfalls mit einer Nase aus Edelholz abgeschlossen und hat auf halber Länge eine „Krawatte“, wie sie bei frühen Mauser-Stutzen üblich war. Vorderschaft und Pistolengriff sind mit fein geschnittener Fischhaut griffig gemacht. Das lässt Kessler außer Haus machen, während die Handschäftung in eigener Werkstatt erfolgt.

 

Der vordere Riemenbügel ist in klassischer Stutzen-Manier in U-Form am Vorderschaft befestigt. Eine Querstollenverschraubung sorgt für die gleichmäßige Übertragung der Rückstoßkräfte auf den Schaft.

 

Jede Büchse von Roland Kessler entsteht auf Kundenwunsch, und wer keine bayerische Backe an „seinem“ Mannlicher haben will, bekommt natürlich auch einen typischen Schönauer-Schaft. Dieser Stutzen ist die eleganteste Repetierbüchse, die ich bisher gesehen habe – noch zierlicher als das Original, erstklassig verarbeitet und mit einem tollen Abzug. Die technischen Details des alten Mannlichers, auf die Kenner so großen Wert legen, blieben erhalten – eine extrem führige Pirschbüchse in dezenter, aber edler Aufmachung.

 

Noch ein Abzug

Die dritte klassische Büchse, der sich Roland Kessler zuwendet, ist die Mauser 66. Dieser Repetierer war zu seiner Zeit eine sensationelle Neuheit und hat heute Kultstatus. Fast 70 000 Stück von dem handlichen Repetierer mit Teleskopverschluss und Wechsellaufmöglichkeit fertigte Mauser. Der größte Teil dieser hochwertig verarbeiteten Waffen ist heute noch im Einsatz – zur vollen Zufriedenheit ihrer Besitzer. Zumindest fast, denn eine Kleinigkeit stört viele 66-Fans – der Abzug. Bis auf wenige Ausnahmen wurde die Mauser 66 mit dem Deutschen Doppelzüngelstecher ausgeliefert, für die 70er-Jahre der klassische Abzug des deutschen Waidmanns.

 

Heute hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass dieser Abzug alles andere als optimal ist, ja ein echtes Sicherheitsrisiko darstellt.

 

Ungestochen ist der Abzug viel zu hart für präzise Schüsse – und bei Drückjagden zum schnellen Folgeschuss erst noch den hinteren Stecher zu bedienen, ist kaum praxisgerecht.

 

Daher bleibt die Mauser 66 oft im Waffenschrank, wenn Drückjagd oder etwa Schießkino angesagt ist. Roland Kessler konstruierte einen Direktabzug für die Mauser 66, der diese Probleme beseitigt.

 

Durch den kurz bauenden Teleskopverschluss liegt bei der Mauser 66 das Magazin unterm Verschluss – und darunter liegt der Abzug. Der Platz reicht hier nicht aus, um herkömmliche Abzüge einzubauen. Technisch wäre das auch unmöglich, denn der Abzug muss ja seitlich neben dem Magazin nach oben wirken.

 

Mauser löste das seinerzeit mit einer unterm Magazinkasten verlaufenden Wippe, die ein seitliches Übertragungsstück bedient – lange Wege und kompliziert, was sich im schlechten Abzugsverhalten des ungestochenen Originalabzuges widerspiegelt. Ein Stecher war dabei schon notwendig, um zumindest über diese „Krücke“ zu einem brauchbaren Abzugsgewicht zu kommen.

 

Roland Kessler benutzt zwar auch eine Wippe, verwendet dazu aber einen aus wenigen Teilen bestehenden und direkt wirkenden Abzug, der so flach baut, dass er unter den Magazinkasten passt. Abzugsgewicht und -weg lassen sich über Stellschrauben präzise einstellen.

 

Der Abzug hat Matchqualität, er lässt sich auf 600 g einstellen und ist völlig sicher – selbst Schläge mit dem Gummihammer aufs hintere Ende des Systems beeindrucken ihn nicht. Das Abzugsgewicht zu erhöhen, ist kein Problem – und bei Großwildbüchsen oder Drückjagdwaffen sogar angebracht. Roland Kessler stellt das gewünschte Abzugsgewicht ein. Das Geheimnis dieses Abzugs liegt in der richtigen Winkelstellung. Daher muss auch die Waffe nach Deggendorf geschickt werden, wenn der Abzug gewechselt werden soll – hier ist Büchsenmacher-handwerk gefragt, auch ein Stabilisierungsblech wird noch unten am Magazinkasten angelötet. Der Abzugsbügel muss etwas umgearbeitet werden, denn im Original hat er zwei kleine Durchbrüche für die beiden Züngel des Stechers. Jetzt wird nur noch ein etwas größerer Durchlass benötigt. Mit Kesslers Direktabzug wertet man eine altbewährte Mauser 66 stark auf – und macht die Legende damit fast schon modern. Sie ist so voll drückjagdtauglich – im Vergleich zum Deutschen Stecher ist das Abzugsverhalten um Klassen besser. Heute besteht die Firma Kessler aus einem angehendem jungen Büchsenmachermeister, einem Schäfter, sowie Ehefrau Ingrid und Tochter Diana. Roland Kesslers neuestes Projekt ist eine superleichte Großwildbüchse mit 4-Schuss-Magazin im Kaliber .375 Holland & Holland Magnum, die ganze 3,45 kg wiegt.

 

Gravuren im eigenen Haus

Um Büchsen zu veredeln, muss Roland Kessler sie nicht unbedingt weggeben: Seine Tochter Katharina ist gelernte Graveurin – und graviert natürlich die Büchsen ihres Vaters gern. Was von ihr bisher zu sehen war, ist sehr vielversprechend und sie hat sich jetzt nahe dem Ladengeschäft in Deggendorf eine kleine, eigene Graveurwerkstatt eingerichtet. Sie graviert sehr filigran und zierlich, der Trend zu Eleganz und Stil liegt anscheinend im Blut. Auch die Kesslerin ist schließlich eher eine hochelegante Dame als ein üppiges Weib …

 

Jagdpraxis, Ausgabe 02-2013

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Büchsenmacher Meisterwerkstatt Waffen Kessler

 

 

 

Öffnungszeiten Ladengeschäft

Mi, Do, Fr: 14.00 - 18.00 Uhr

Weitere Termine wie Werkstattbesuche, Schießen, Schaftholzauswahl, nach Vereinbarung.

Land - Au 6 • 94469 Deggendorf

Tel.: +49 991 - 28 48 42

Fax: +49 991 - 28 48 41

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